Amelias Rache

 

 

Gerichtsmediziner Dr. Jones hatte schon eine sehr lange und arbeitsreiche Nacht hinter sich, als ihn sein alter Freund Robertson von der Polizei aufsuchte. Eigentlich wollte Dr. Jones in einem Sanatorium praktizieren, aber hatte er niemals eine Anstellung bekommen. So verdingte er sich mit dem Tod und dessen Opfern. Seine übermüdeten Augen schauten zur Tür und er staunte was er dort sah. " Was führt dich zu solch später Stunde zu mir? " " Ich brauche deine Hilfe. Du hast doch auch Psychologie studiert?

Ich habe einen Fall für dich, ich komme dort selbst nicht mehr weiter. Vielleicht ist dies der Fall, der dich ins Sanatorium bringt......Ich meine als Arzt naürlich, aber sieh selbst."

Neben Robertson stand ein junger Mann. Völlig durchnässt und bleich. " Ja aber, der lebt ja noch.....Na, kommt erst einmal herein. Wir sprechen in meinem Büro, bei einer heißen Tasse Kaffee. "

Beide traten ein und folgten Dr. Jones in ein kleines dunkles Zimmer. Dr. Jones bot beiden einen Stuhl und den besagten Kaffee an. Er selbst nahm an seinem unaufgeräumten und chaotischen Schreibtisch Platz. " Nun, dann wollen wir mal. Was ist passiert? Und was habe ich damit zu tun ? " Der junge Mann schwieg und rührte anteilnahmslos in seinem Kaffee.  " Ich glaube, ich werde euch beide mal alleine lassen. Wir sehen uns dann morgen. " Mit einem Handschlag verabschiedete sich Robertson von Dr. Jones und verließ das Gebäude.

" Entschuldigen sie meine Manieren. Ich habe selten lebendige Patienten. Mein Name ist Dr. Jones. " Er reichte dem jungen Mann seine Hand. Er schaute ihn an und schüttelte sie ihm. " Ich....mein Name ist ....nennen sie mich Mac. "  " Nur Mac? " Der junge Mann nickte. " Was ist denn passiert und wie kann ich ihnen helfen? "  " Ich werde sterben und zur Hölle fahren. Ich bin verflucht. Meine schwarze Seele wird im ewigen Fegefeuer brennen. "  " Ich verstehe nicht ganz...."  " Ich werde ihnen erzählen was mit mir nicht stimmt ....."

"  Es begann vor etwa vor drei Jahren. Ich war oder bin der Sohn reicher Eltern, unser Name war bekannt in ganz England und ich hielt nicht viel vom Arbeiten. Mein Tag bestand darin, das Geld meines Vaters mit vollen Händen auszugeben. Partys, Frauen und dem Glücksspiel. Eines Tages reichte es dann meinem Vater, das ich sein Geld ausgab. Wir gerieten in einen Streit und er verwies mich seines Hauses. Mein Stolz war größer als meine Liebe zu ihm. Ich übernachtete in einem nahe gelegenen Hotel. Dank meiner Beziehungen zu einer bekannten Londoner Tageszeitung, nahm ich eine Stelle im Lekorat der Zeitung an. Aber das befriedigte mich nicht einmal ansatzweise. Diese Tristess, Tag ein und Tag aus, die Berichte der Reporter zu  lesen und zu korrigieren. So ging es Wochen lang.

Dann stand plözlich eine junge Frau in meinem Büro. Sie hieß Amelia Dickens. Ihr langes rotes Haar hatte sie zu einem strengen Knoten gebunden und ihre Kleider waren aus Lumpen zusammen genäht. Trotz ihres jungen Alters, hatte das Leben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Das Leben hatte es nie gut mit ihr gemeint. Sie hatte sehr jung geheiratet, um ihrem armseligen Leben einen Sinn zu geben. Ihr Mann verlor seine Arbeit  im Tagebau und verfiel dem Alkohol. Und so führte sie das gleiche Leben wie ihre Mutter, Tante, Schwester und Millionen anderer Frauen unserer Zeit. Es dauerte nicht lange und sie brachte einen Sohn zur Welt, doch leider war er zu schwach und starb noch in der selben Nacht. Ihr Mann starb wenig später und hinterließ ihr nur Schulden. Aber trotz aller Schicksalschläge hatte sie sich ihre Träume, Stärke und eine gewisse Bildung bewahrt. Sie schrieb Geschichten. Wundervolle Geschichten, voller Herz und Gefühl. Sie wollte, das ich sie lese und in der Zeitung veröffentliche. Sie flehte und bettelte mich an. Ich stimmte zu und zahlte ihr ein paar Shillinge. Ich verschlang förmlich alles was sie aus ihrem Herzen schrieb. Ich heckte einen teuflischen Plan aus. Diese Geschichten würden mich reich machen. Die Menschen werden diese schöne heile Welt lesen und sich vor der Wirklichkeit verstecken. Ein Vermögen werde ich damit verdienen. Amelia schrieb, schrieb und schrieb sich ihre Hände wund. Jeden Lichtstrahl und jeden Kerzenschein nutzte sie um ihre Sehnsüchte aufzuschreiben. Ich setzte lediglich meinen Namen  darunter. Es waren Bestseller und mein Vermögen wuchs. Alles was ich Amelia erzählte, war eine Lüge. Ich bezahlte ihr wenig, meine Gier war größer als mein Verstand und mein Mitgefühl . ........


(c) Nadia Sahlenbeck


Diese Geschichte ist 2014 im Verlag das E-Book24 erschienen